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In: Frankenberger Zeitung 12. Nov. 2004
Frankenberger Selbsthilfegruppe präsentiert Theaterstück mit Dr. Kristin Kunze
von Andrea Pauly
FRANKENBERG. Alles ist grau. Wenn die Sonne scheint, ist es grau. Wenn das Gras nach regen riecht, ist es grau. Wenn Kinder spielen, ist es grau. Die Frau vor dem roten Pannesamt-Vohang, die diese Worte mehr ausspuckt als spricht, hat eine rote Plastiknase aufgesetzt. Aber niemand lacht. Die Clownin Sophia Altklug alias Dr. Kristin Kunze trauert auf der Bühne um ihre Mutter; und die Frauen und Männer im Publikum erkennen sich und andere in ihr wieder.
Sie hat das Weinen schon hinter sich, nach der "preußischen Contenance", die in der Familie üblich war. Das Leugnen - Mir? Ach, mir geht es gut! - erlebt das Publikum mit ihr. Auch andere Gefühle erfassen Sophia auf der Bühne. Die Wut: "Warum habt ihr sie mir nicht so zurückgegeben, wie ich sie hergbracht habe: Lebendig?", schreit sie imaginäre Ärzte an. Auch ihre tote Mütter beschimpft sie. Schaudernd bemerkt sie das Gefühl der Erleichterung, weil nun doch irgendwie alles leichter ist, weil die Mutter nicht mehr immer an ihr herummäkelt. Und sie bekommt sofort ein schlechtes Gewissen. Dieses nagende, schlechte Gefühl kommt wieder, als sie irgendwann bei einem Gespräch plötzlich laut lachen muss. Ein gehetzter Blick - hoffentlich hat das niemand mitbekommen? Dann, endlich, kommt irgendwann der Punkt, an dem sie erleichtert denkt: Jetzt habe ich es geschafft, ich bin drüber weg.
Und nun steht sie da, eine Flasche in der Hand, und sie merkt: Ich bin nicht drüber weg, denn alles um mich und in mir ist grau. Und der Alkohol macht nichts bunter. "Mach mich wieder voll", ruft sie der Flaschse zu und meint: "Fülle die Leere in mir."
Die Leute, die über sie reden: "Habt ihr sie gesehen, wie sie schon wieder rumläuft? Die Mutter ist gerade erst unter der Erde...". Sie hat das Gefühl, sich vor ihnen und ihrer toten Mutter rechtfertigen zu müssen, als sie beginnt, wieder zum Literaturkurs zu gehen und die Besuche am Grab seltener werden.
Nach einer langen Zeit mit verschiedenen Gefühlen, die allmählich weniger Macht über sie haben, bemerkt Sophia, wie viel von ihrer Mutter geblieben ist. Die gleiche Silhouette, die gleichen Kommentare, die gleichen Angewohnheiten kommen plötzlich auch in Sophia zum Vorschein. Schöne Erinnerungen bringen sie wieder zum Lachen statt zum Weinen.
Die Frau auf der Bühne durchlebt das, was in der Realität meist Jahre dauert, in weniger als einer Stunde. Trotzdem schafft sie es,den Anwesenden ein Gefühl zu vermitteln, wie es in ihr nach dem Tode ihrer Mutter aussah. Sie findet Vergleiche für die verschiedenen Wege, zu trauern: Wie Dornröschen, beschützt und verschanzt hinter einer dicken Dornenhecke. Wie Schneewittchen, im Glassarg, eiskalt und fast selbst schon tot. Wie Aschenputtel, geschäftig, abgelenkt. Wie Zorro, nach Rache heischend. Das Loch, in das sie fällt, ist wie Frau Holles Brunnen, in den Goldmarie springt. Lange denkt Sophia, dass sie gar nicht wieder hoch will aus ihrem Trauerland. Mit den Menschen ist es doch immer dasselbe: Wenn sie sich einlässt, erleidet sie nur einen weiteren Verlust. Aber allmählich merkt sie: Ich kann vielleicht doch irgendwann wieder hier und ich selbst sein. Sie lächelt.
Was die Zuschauer in dem besonderen Theater von Kristin Kunze miterlebt haben, fasst Ulrike Stöcker in einem Vortrag in Worte, die auch für die verständlich sind, die keine Erfahrung mit eigener Trauer haben. Sie erklärt, was Trauer ist - ein Ausdruck der Seele, ein Prozess, in dem ein Verlust verarbeitet wird.
Sie macht deutlich, dass Trauer einen Menschen völlig aus der Bahn werfen kann, dass Betroffene neue und intensivere Gefühle erleben, dass es ein undruchdringliches Chaos an Gefühlen gibt - und dass das normal ist. Sie macht Mut: "Unten im Brunnen, am Ende des Falls, gibt es einen festen Boden und vielleicht sogar eine neue Quelle." Ulrike Stöcker betont, dass die beste Hilfe von denen kommt, die ähnliche Erfahrungen wie der Trauernde gemacht haben und schließt damit den Kreis zur Selbsthilfegruppe für Trauernde, die genau dies praktiziert.
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