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Es war einmal: Da
hatte Kristin Kunze eine gut gehende Zahnarztpraxis. Heute
macht
sie als Sophia Altklug Zores im Zirkus. Fragen
an eine Clownin
Interview von Hartmut Meesmann mit Kristin Kunze
In: Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, Oberursel,
Ausgabe 13/2003
Publik-Forum: Frau Kunze, Sie waren 53 Jahre alt, als Sie Ihre zahnärztliche
Praxis zugemacht haben. Warum haben Sie das damals gemacht?
Kristin
Kunze/Sophia Altklug: Es gibt in jedem Leben elementare Ereignisse, denen
wir nicht ausweichen können. Dazu gehören
die Liebe und der Tod. Plötzlich verlor ich eine gute Freundin,
die genauso alt war wie ich und auch in einem medizinischen Beruf
arbeitete. Mir hatte mein Beruf Spaß gemacht, mein Leben
war ein erfülltes Leben. Und doch merkte ich plötzlich,
angestoßen vom Tod der Freundin, dass es Zeit war, aufzuhören
und noch einmal etwas Neues zu probieren, mit mir, von mir.
Publik-Forum: Hatte sich zu dieser Zeit in Ihrem Inneren der
Wandel schon angekündigt?
Kunze-Altklug: Mit 50 Jahren wird einem die eigene Endlichkeit
bewusster. Das Denken verändert sich, die Sicht auf die Dinge.
Das, was bisher wichtig war, tritt in den Hintergrund. Es gärt
im Inneren, zumal wir Frauen durch unsere Wechseljahre starke Impulse
erhalten, inne zu halten und das eigene Leben Revue passieren zu
lassen. Äußere Ereignisse können diesen Wandel
noch verstärken. Dann gilt die chinesische Weisheit: »Wenn
du eine Form ganz ausgefüllt hast, dann musst du gehen. Denn
wenn du in der Form bleibst, erstarrst du!«
Publik-Forum: Und Sie wussten, als Sie Ihre Praxis schlossen,
dass Sie freiberufliche Clownin werden wollten?
Kunze-Altklug: Nein. Ich war zwar als junges Mädchen in der
Schule immer mal als Clownin aufgetreten. Aber als ich dann später
in den »Wald der Wichtigkeiten« – so nenne ich
es gerne – hineinging mit all den inneren und äußeren
Leistungsansprüchen in Studium und Beruf, habe ich ein intensives,
aber doch meist sehr ernstes Leben geführt. Mit der Pubertät
habe ich Fähigkeiten von mir in eine große Truhe abgelegt.
Heute habe ich in dieser Truhe die unbeschwerte, die fröhliche
Kristin wiederentdeckt, die ich einmal war.
Publik-Forum: Die spaßhafte Seite Ihrer Persönlichkeit?
Kunze-Altklug: Das Wort »Spaß« möchte ich
nicht so gerne benutzen, das ist heute eher abgegriffen, eher die
humorvolle Seite. Es geht mir um den Humor als eine tiefe Quelle
von Lebenskraft und Lebenslust.
Publik-Forum: Und wie sind Sie dann auf die Clownstätigkeit
gekommen? Es hätte ja auch etwas anderes sein können?
Kunze-Altklug: Als ich meine Zahnarztpraxis verkaufte,
fragten mich viele: »Und was machst du jetzt?« Ich habe dann
immer geantwortet: »Meine Güte, jetzt lasst mich doch
erst mal die Tasse leer trinken und warten, was kommt, das weiß ich
doch jetzt noch nicht.« Und dann kam es plötzlich aus
mir heraus: Vielleicht gehe ich ja zum Zirkus und werde Clown.
Publik-Forum: Es war also am Anfang nur so eine
vage Idee?
Kunze-Altklug: Ja. Aber als ich das erste Mal
vom Clownsdasein sprach, sah ich, wie bei
meinem Gegenüber ein gewisser Glanz
in die Augen kam und wie er so wegträumte. Das war meine erste
Verzauberung, wenn man so will. Und dann habe ich immer wieder
davon gesprochen, bis ich mir sagte: Jetzt versuchst du es auch
einmal! Ich bin dann in ein Zirkuscamp gegangen und habe da ein
Praktikum absolviert und gemerkt: Ja, das ist es!
Publik-Forum: Sie waren wahrscheinlich zunächst finanziell
abgesichert und standen nicht unter dem Zwang, rasch eine neue
Tätigkeit finden zu müssen?
Kunze-Altklug: Sicher, ich konnte zwei
Jahre überbrücken.
Unter Zwang kann man nicht kreativ sein.
Publik-Forum: Braucht es Mut, solch einen
Schritt zu wagen? Manche, die vor einem ähnlichen Schritt stehen, dürfte die Angst
abhalten, Neues zu wagen.
Kunze-Altklug: Wenn ich merke, dass
mein Leben in eine bestimmte Richtung
fließt und ich einfach mitgehe, mich diesem Fluss überlasse,
dann ist dafür kein Mut erforderlich.
Publik-Forum: Von außen betrachtet, müsste man ja sagen:
Eine gut situierte Zahnärztin vollzieht den Abstieg aus der
beruflichen Sicherheit in die Unsicherheit einer Künstlerinnenexistenz.
Warum?
Kunze-Altklug: Für mich ist es genau das nicht, sondern eine
persönliche Weiterentwicklung. Ich greife wieder auf mein
Lieblingsbild vom »Wald der Wichtigkeiten« zurück:
Wir sind wichtig geworden in einem Beruf, wir können etwas,
wir haben Routine gewonnen, und irgendwann vergessen wir, auch
einmal zu fragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wir sind nur
noch in diesem Wald der Wichtigkeiten, wo sehr viele Bäume
sind, aber der Überblick verloren gegangen ist. Aber um die
Freiheit leben zu können, die meine jetzige Tätigkeit
als freischaffende Clownin mit sich bringt, muss ich eine gewisse
Kraft angesammelt haben.
Publik-Forum: Und woher haben
Sie diese Kraft?
Kunze-Altklug: Die habe ich immer
wieder bei meiner zahnärztlichen
Arbeit in den Ländern der so genannten Dritten Welt gesammelt.
Ich arbeite da meist in tropisch-schwülem Klima, mit einfachsten
Instrumenten, bei schlechten Lichtverhältnissen und hohen
körperlichen Belastungen – und doch kehre ich abends
voller Dankbarkeit und Freude aufs Hospitalschiff zurück.
Ich spüre ein Gefühl der Liebe in mir, ja, so will ich
es nennen, Liebe zu diesen Menschen. Ich bin dann voll von Dankbarkeit,
Staunen, Wundern. Diese Erfahrungen vermitteln mir innere Kraft.
Publik-Forum: Suchen Sie etwas
für sich selbst, wenn Sie als
Clownin auftreten? Oder wollen Sie den Menschen etwas vermitteln?
Haben Sie eine Botschaft, eine Mission?
Kunze-Altklug: Beides. Die
Themen, die ich in meinen
Stücken
als Sophia Altklug spiele, sind meine Themen: Liebe, Alter, Sexualität,
Zeit, Freude, Trauer. Dabei möchte ich Gefühl, Herz und
Hirn der Zuschauer ansprechen. Ich setze mich dann intensiv mit
dem Thema auseinander und möchte immer mehr über die
Thematik wissen. Ich arbeite mich dann immer tiefer in das Thema
hinein, mit jedem Auftritt.
Publik-Forum: Wie kommen
Sie zu Ihren Themen?
Kunze-Altklug: Ich habe
bestimmte Stücke und Figuren in meinen
Repertoire. Aber wenn ich gefragt werde, ob ich zu einem bestimmten
Thema auftreten könnte – im Moment zum Beispiel aktuell
zum Thema »Trauer« im Auftrag einer Hospizgruppe –,
dann entwerfe ich ein Trauerstück »Wenn die Clownin
Trauer trägt«. Darin vermittle ich das Clowneske am
ganzen Leben: dass wir etwas verlieren und am Ende dennoch reicher
dastehen als vorher. Geht es um den fünfzigsten Geburtstag
eines Menschen, dann lasse ich mir das Leben des Betreffenden erzählen,
und suche nach dem roten Faden darin. Dann verwebe ich in einem
Stück meine Figuren mit diesem Leben. Das ist immer toll.
Publik-Forum: Sie nennen
Ihre Clownsschule »Erfolg und Humor«.
Wie hängen denn Erfolg und Humor zusammen?
Kunze-Altklug: Erfolg
wird heute meist äußerlich gesehen:
Wie bin ich angesehen? Wie stehe ich da? Dabei geht es eigentlich
darum, mir selbst zu folgen, einer Energie zu folgen, die mir vorausfließt.
Erfolg bedeutet für mich: innen und außen immer weiter
zu gehen, in meinem Tempo. Beim Humor geht es auch ums Fließen,
um Feuchtigkeit vom Ursprung des Wortes her. Humor ist eine Kraft,
die weiterfließt, die vorwärts bringt. Deshalb passt
beides zusammen. Beides mündet in eine Haltung, das Leben
intensiv leben zu wollen.
Publik-Forum: Sie
lieben die Figur
des Drachens.
Warum?
Kunze-Altklug: Ich war vor
drei Jahren
in China,
und
da sieht
man an jeder
Ecke Drachenfiguren.
Das sind
alte Verkörperungen
der elementaren Kräfte Feuer, Wasser, Erde, Luft, die auch
mit den vier Jahreszeiten in Verbindung gebracht werden. Es sind
Urwesen, Teile auch von uns Menschen. Deshalb verkörpere ich
oft das Wachstum dieser Kräfte in uns selbst, indem ich zum
Beispiel ein Drachenkind darstelle.
Publik-Forum: In unserem
Kulturkreis
ist ja
mehr der
Mythos vom Kampf mit
dem
Drachen
verbreitet.
Kunze-Altklug: Das ist
die christliche
Deutung,
wo dann
die Georgs
und Siegfrieds
mit
den
Kräften des Drachens kämpfen.
Darin kommt die christliche Spaltung in die guten und bösen
Kräfte zum Ausdruck: die Engel als Verkörperung der guten
Kräfte, die Drachen als Verkörperung der bösen Kräfte.
Wobei interessant ist, dass Siegfried, nachdem er im Blut des besiegten
Drachens gebadet hat, unbesiegbar wurde. Und nur dort, wo das Blatt
war, blieb er verwundbar.
Publik-Forum: Ihnen
geht es also
um die
Entfaltung
des
Drachens,
nicht
um seine Bekämpfung?
Kunze-Altklug: Genau.
Drachen
symbolisieren
Kräfte, die weder
gut noch böse sind.
Publik-Forum:
Warum
aber
springt
sie
dieses
Symbol
so
an
und
nicht
ein
anderes?
Kunze-Altklug:
Ich
weiß noch, wie ich einmal hier in Deutschland
ein asiatisches Theater besuchte. Als ein Drache auf der Bühne
erschien, bekam ich heftiges Herzklopfen. Ich sagte mir: Ich will
auch so ein Drache sein. Daraufhin habe ich mir eine Drachenmaske
ausgeliehen und mit ihr gespielt, mich in das Symbol hineinbegeben.
Es bringt mich selbst zur Entfaltung.
Publik-Forum: Spielt
Religion
für Sie eine Rolle?
Kunze-Altklug: Ich bin
christlich aufgewachsen,
habe aber
auf meinen
vielen Reisen
auch andere
Religionen kennen
gelernt, den
Buddhismus, den
Islam, die
Sufis und
die afrikanischen
Naturreligionen. Diese
Vielfalt der
Religionen fasziniert
mich. Und
gerade bei
den Afrikanern ist das
Lachen eine
Art Gottesdienst,
finde ich.
Die Menschen öffnen
sich der Freude und sagen dann zum Beispiel: Gott lacht aus mir
heraus. Sie treffen sich abends, singen, tanzen und lachen die
ganze Nacht hindurch miteinander. In diesem Sinne spielt Religion
für mich eine Rolle.
Publik-Forum: Das Lachen
ist also
für Sie eine Erfahrung der
Transzendenz, eine Erfahrung Gottes?
Kunze-Altklug: Wenn Sie
sich aufgeben
vor Lachen,
dann kapituliert
Ihr Kopf.
Dann werden
Sie von
der Freude
erfüllt. Für
die Afrikaner wird das Lachen dann zu etwas Überindividuellem,
zu einem globalen Ereignis, das den Einzelnen übersteigt.
Sie sind dann mit der großen kosmischen Kraft oder Energie
verbunden. Sie tanzen mit auf der Woge der göttlichen Freude.
Diese Art der Religiosität spricht mich sehr an. Wenn ich
zum Beispiel auf einem christlichen Hospitalschiff arbeite, so
wie kürzlich wieder in Togo, dann gehe ich auch schon mal
in den christlichen Gottesdienst dort. Der geht dann den ganzen
Tag. Da wird zwischendurch immer wieder getrommelt, gelacht, gesungen – und
immer wieder gelacht. Immer wieder brandet diese elementare Lebensfreude
auf. Ein schöneres Gotteslob kann man sich doch gar nicht
vorstellen! Auch deshalb – aber nicht nur deshalb – arbeite
ich immer wieder dort unten. Für mich besteht Leben aus Geben
und Nehmen. Ich gebe etwas von meinem ärztlichen Können
ab an diese Menschen, die diese Unterstützung brauchen, und
nehme dafür
von den Menschen, was sie
besonders ausstrahlen: die
Freude, das Lachen. Entwicklungshilfe
ist eben auch eine Hilfe,
die mich selbst weiter entwickelt.
Kristin
Kunze (60)
arbeitete bis
zu ihrem
53. Lebensjahr
als Zahnärztin,
seitdem als freiberufliche Clownin. Sie lebt in Nümbrecht
im Siegener Land auf einem Bauernhof. In ihrem Institut »Erfolg
und Humor« bietet sie Clownskurse an.
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